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"Trouble in heaven"by Michael Lütje"Dimitrius, wirst Du wohl aufpassen!!!" donnerte Petrus mit dunkler Stimme hervor. Es war nicht das erste Mal, daß Dimitrius beim Träumen während des Himmelsunterrichtes erwischt wurde. Er ließ sich einfach zu oft und zu gern ablenken. Von den umherziehenden Nachbarwolken, von den wunderschönen Harfenklängen oder von dem Duft von Nektar und Ambrosia. "Ich schätze, bei Dir Dimitrius, muß ich dieses Mal hart durchgreifen!", so Petrus wieder. "Als Strafarbeit erwarte ich von Dir, daß Du den Stoff der letzten zwei Wochen in einer praktischen Arbeit umsetzt. Du legst mir also ein komplettes Seelenprofil am nächsten Dienstag auf mein Pult und wehe dem Du schlampst! Dann kannst Du deinen Edenabschluß endgültig vergessen!" - "Oh, nein!", dachte sich Dimitrius, "nicht ein Seelenprofil! Das ist sooo viel Arbeit und das Wochenende ist doch schon verplant....". Da sollte es also nichts werden, mit seinem Ausflug nach Walhalla. Dabei hatten er und Caldonia alles bis ins Detail geplant. Und nur an diesem Wochenende waren die Eltern von Dimitrius mit den Eltern von Caldonia zur alljährlichen "Heavensgate"-Benefizveranstaltung geladen.- So begann also die Geschichte, die über tausende von Jahren jedem Engelsschüler am ersten Schultag von den Klassenlehrern vorgetragen wurde. Eine Geschichte, die sich so wirklich zugetragen hatte. Und eine Geschichte, die Mahnung an alle Himmelserstklässler sein sollte, gute und ehrliche Arbeit abzuliefern, fleissig und ehrlich zu sein und niemals zu betrügen! - Mindestens zum tausendsten mal wandelte Dimitrius um sein Schreibpult herum. Ein leeres Blatt Papier und einen Federkiel samt Tintenfass neben dem Skynet-Terminal zeugten davon, daß es nicht so recht voran gehen wollte, mit der ihm aufgetragenen Strafarbeit. Zu sehr kreisten seine Gedanken um das bevorstehende Wochenende, welches ihm ach so verhagelt schien. "Dip-dip" tönte es plötzlich aus seinem Terminal, "Dip-dip" ein zweites Mal und Dimitrius setzte sich an die Tastatur und schaltete den Bildschirm ein. Es war sein Hermes-Sky-Mail-Account der ihm eine neue Nachricht ankündigte. "Sie haben Post von caldonia@skynet.heaven" erschien es ihm auf dem Display. Ein sanftes Drücken auf das geflügelte Post-Symbol öffnete die Nachricht. Das, was Dimitrius dort las, war nicht gerade dazu angebracht, seine Laune in irgendeiner Weise zu verbessern. Seine Caldonia wollte das Wochenende, welches ihm versprochen war, nun dazu nutzen, um mit Tremendius und seiner Clique einen Kurztrip zum Donnerpark zu unternehmen. Gerade mit Tremendius, dem Klassengigolo, auf den alle Engelsanwärterinnen zu fliegen - ach nein, daß ging ja noch nicht - also zu stehen schienen! Das durfte Dimitrius auf keinen Fall zulassen und so anwortete er Caldonia, daß er schon so gut wie fertig sei, mit seinem Seelenprofil und das sie alles vorbereiten sollte. Er würde sie morgen früh um 11 Uhr, eine Stunde nachdem die Elternpaare aufbrechen sollten, zum geplanten Ausflug abholen. Ein Druck noch auf das Senden-Symbol und dann war es passiert. Nun gab es kein Zurück mehr und intensivste arbeitsreiche Stunden standen Dimitrius bevor. So sehr Dimitrius sich auch mühte, auch nach 3 Stunden war er noch nicht so recht weiter, mit seien Ausführungen. Gut, die Eckpunkte hatte er schon auf dem ersten Blatt notiert: Neigungen und Vorlieben, Charakter, Eigenarten, Gefühle, Vorbestimmung und Karma, dies waren die fünf Grundbereiche eines Seelenprofiles, doch womit sollte er sie füllen? Es fiel ihm schwer sich einen Menschen vorzustellen, dem er nun Persönlichkeit einhauchen sollte. "Da gibt es nun Millionen von Seelenprofilen und ich soll noch eines dazuerfinden!" stieß Dimitrius seufzend hervor, "was soll das denn noch bringen?" - "Dip-dip" meldete sich in dieser Sekunde wieder sein Terminal. "Dip-dip" und das Schicksal nahm seinen Lauf... "Genau, warum das Rad zweimal erfinden? Hacken wir das Skynet!" sprudelte es aus Dimi hervor und trotz fortgeschrittener Stunde war er auf einmal hellwach! Mit einigen geübten Fingerübungen auf dem Keyboard gelangte er auf die zentrale Skywebsite des Datenbankverbundes und nun begann er damit, sich ein Schlupfloch zu suchen um in die komplexes Strukturen eintauchen zu können. Das hier, in dieser Geschichte genaue Vorgehensweisen nicht erläuert werden können, versteht sich von selbst. Sie soll schließlich nicht als Anleitung zur Computerkriminalität dienen! Nach einiger Zeit und einer gelungenen Mischung aus Können und Glück hatte es Dimitrius dann tatsächlich geschafft. Der Zugang zur Hauptdatenbank war mit einem abschließenden Tastendruck möglich. Ein klitzekleines Zögern, diesen finalen Schritt zu tun, zeugte wohl von einem Restanstand, der bei Dimi noch vorhanden war, als sich dann seine Gedanken aber wieder Caldonia und einem drohendem Wochenende mit Tremendius zuwandten, senkte sich sein rechter Zeigefinger auf die Taste und es war geschehen. Tausende Ordnerstrukturen zeugten von den immensen Dateninhalten, welche in diesem System zu finden waren und mit weit geöffneten Augen saß Dimitrius staunend vor seinem Bildschirm. Nach einigen Sekunden hatte er sich gefangen und begann damit seine Arbeit zu tun. Oder vielmehr begann er damit, die Arbeit zu tun, die ihm seine eigentliche Arbeit abnehmen sollte. Er wühlte sich durch hunderte Ordner immer tiefer in die Verzeichnisbäume hinein und schliesslich fand er nach einigen Minuten das, wonach er gesucht hatte. Da war er, der Ordner, welcher schlicht "SEELPROF" benannt war und der 762.752.902 einzelne Datenfiles beinhaltete. Über eine Dreiviertel-Milliarde Seelenprofile waren hier also gespeichert und keins glich dem anderen auch nur annähernd. Und genau diese Tatsache sollte sich nun ändern! "Ich werde ein männliches Profil suchen und die Eckdaten dann für mein weibliches Profil übernehmen, hier eine kleine Abweichung, da eine leicht abweichende Gewichtung und schon ist mein Wochenende gerettet..." sprach Dimitrius in monotonem Selbstgespräch. Da er nicht allzu gut den Ausführungen Petrusī in den letzten Wochen gefolgt war, sollte das neue Profil nicht zu sehr abweichen. Da gab es Beziehungen und Regeln der Eigenschaften untereinander, welche unbedingt befolgt werden müssten, doch wie war das noch genau? Kurzum entschied sich Dimi dazu, ein Profil eines Menschenkindes aus Schleswig-Holstein zu nehmen, Sternzeichen Zwilling, genetischer Kurzschlüssel "H8BCAK007HZCPB4HDL". Nur 10 Minuten dauerte es, bis alle Eckpunkte dieses Seelenprofiles auf einem Schmierzettel notiert waren. "Nun nur schnell raus aus dem System" dachte sich Dimi, "nicht das ich auf den letzten Drücker noch entdeckt werde...". Drei mal auf Logout gedrückt und das Skynet-Terminal schaltete zurück in den Stand-By-Modus. - In der Regel klingelt es an dieser Stelle der Geschichte immer zur ersten Pause der Schulanfänger und in der Regel wird von den Novizen einstimmig auf diese Pause verzichtet, wenn der Klassenlehrer fragt, ob er denn jetzt die Geschichte weitererzählen solle, oder ob er bis nach der Pause warten solle. Und so halten wir es jetzt auch. Statt lange zu pausieren, machen wir einfach weiter... dazu ist es jetzt einfach zuuu spannend... - 4 Uhr morgens war es jetzt schon, als Dimitrius auf die Wanduhr schaute. Aber müde, nein müde war er jetzt nicht. Zu aufregend war der Ausritt in das Skynet und der Blick hinter die Kulissen dieser göttlich machtvollen Organisation. "Nun also noch ins Reine schreiben und hier und da ein paar klitzekleine Punkte abändern." Gesagt, getan. Aus einem Jungen wurde ein Mädchen, aus Schleswig-Holstein wurde Nordrhein-Westfalen, aus dem Sternzeichen Zwilling wurde Sternzeichen Löwe und der genetische Schlüssel wurde an 2 Stellen abgeändert. Hmmm, gab es da nicht einen Zusammenhang zwischen dem genetischen Kurzschlüssel und dem Sternzeichen? Hätte er doch besser im Unterricht aufgepasst. Aber daran sollte das Anerkennen der Strafarbeit nun auch nicht scheitern. Wieder zurückkorrigiert, aus Löwe wurde wieder Zwilling, und nur die Dekade wurde verändert. Hier noch ein paar kleine Eigenarten die abgeändert, gelöscht und hinzugefügt wurden und schon war das Seelenprofil fertig. Zugegeben, es glich dem eigentlichen Profil schon ziemlich, aber was sollte denn schon passieren? Wahrscheinlich würde sein Seelenprofil sowieso nicht in die Hauptdatenbank eingegeben werden und wenn doch, dann wahrscheinlich mindestens 250 lange Jahre ruhen, bis es zum Einsatz kommen würde. Und außerdem gab es ein einziges Mal schon zwei so ähnliche Profile, nämlich bei Adam und bei Eva, den ersten Menschen auf Erden. - Zufrieden und mit der Vorfreude auf den bevorstehenden Ausflug löschte Dimi um 4:52 Uhr das Licht an seinem Schreibpult und ging zu Bett. - Punkt 11 Uhr stand Dimitrius bei Caldonia vor der Haustür und sie starteten ihren Ausflug nach Walhalla, aber das ist jetzt hier an dieser Geschichte eigentlich gar nicht so wichtig. Viel wichtiger ist das, was nun folgend im Unterricht des Petrus und dann in Folge passieren sollte... - Als Petrus am Dienstag morgen den Klassenraum betrat und die Klasse seiner Engelsanwärter begrüßte, fand er sauber gebunden die Strafarbeit des Dimitrius vor und schweigend öffnete er das Siegel, setzte sich und begutachtete das Werk. "Unerwartet gute Arbeit, Dimitrius" durchbrach nach einigen Minuten Petrus das Schweigen, "Mir scheint, ich habe Dir unrecht getan und auch wenn Du das ein oder andere Mal abwesend wirkst, scheint es, als ob Du den Stoff, den wir hier behandeln, doch gut aufnimmst! Dies ist eines der besten Seelenprofile, das ich in dieser Altersstufe studiert habe und so werde ich Dir die Ehre zuteil kommen lassen, dieses Jahr der Schüler zu sein, dessen Seelenprofil in die Hauptdatenbank aufgenommen wird. Und wenn Du dann in Kürze deinen Abschluß schaffen solltest und deine Flügel bekommst, dann wirst Du auch dieses Menschenkind begleiten, auf seinem Lebensweg!" Nach einigen Monaten schloß Dimitrius dann tatsächlich den Himmelsunterricht ab und mit dem Edenabschluß bekam er auch sein Paar Flügel. Kurze Zeit später, als es wieder Juni wurde und auf Erden Zwillingskinder geboren wurden, war es denn auch so, das ein Mädchen dem Seelenprofil Dimitriusī entsprechend geboren wurde. Es wuchs heran, entwickelte sich prächtig, wurde erwachsen und viele viele Jahre war alles gut. Vergessen war schon lange die Nacht, in der Dimi seinen Computer missbrauchte, in der er einen Datensatz stahl und geringfügig abänderte und vergessen waren schon lange die kurzen Bedenken, die er damals hatte. Mehr als 30 Jahre gingen ins Land, bis das geschah, was nie geschehen sollte. An einem Sommerabend hatte es das Schicksal so eingerichtet, daß sich die beiden Menschen, deren Seelenprofil sich so ähnlich war, in einer Gaststätte treffen sollten. Und es war bei weitem nicht verwunderlich, daß diese beiden Menschen sich sofort mochten und sich einander stark anzogen. Es entwickelte sich eine Liebesbeziehung die unvergleichlich war. Bei jedem Treffen der beiden wurden mehr und mehr Gemeinsamkeiten entdeckt und man begann zu begreifen, daß man wohl füreinander bestimmt war. Nur Dimitrius begriff immer noch nicht. Er freute sich seines Menschenkindes und versuchte zu behüten, wo er behüten konnte. Als die beiden Liebenden sich dann aber eines Nachts im Scherz darüber unterhielten, daß diese Gemeinsamkeiten ja kein Zufall sein konnten und da wohl jemand im Himmel abgeschrieben hat, durchzuckte es Dimitrius heiß und kalt. Sofort machte er sich an sein Skynet-Terminal um den genetischen Code, des Mannes zu erforschen, den sein Mädchen dort kennengelernt hatte und tatsächlich: Das was niemals eintreten durfte, war passiert! Auch Apollonia, der Schutzengel des Mannes bekam diese Entwicklung natürlich mit. Und so kam es dann, daß nichts mehr zu verheimlichen war. Alles was so lang im Verborgenem war, kam schließlich nach über 30 Jahren ans Licht und ein großes Tribunal wurde im Himmel einberufen. Geladen waren Dimitrius und Apollonia, Petrus saß dem Tribunal bei und der liebe Gott persönlich war es, der den Vorsitz leitete! Schwer war der Vorwurf und niederschmetternd die Anklage, die Dimitrius zu ertragen hatte. Doch all die Jahre guter Arbeit und ein nicht zu übersehender Wandel im Verantwortungsbewußtsein wirkten strafmindernd. Und da "Vergeben von Sünden" die Spezialität des lieben Gottes ist, kam Dimitrius mit einem blauen Auge davon. Ein Anklage vom Chef persönlich war das Schlimmste was einem Engel passieren konnte und so Strafe genug ! - Doch was sollte jetzt mit den beiden Menschenkindern dort auf Erden geschehen, die sich gefunden hatten ohne sich zu suchen? - "Schon einmal gab es eine ähnliche Übereinstimmung zweier Menschen" erhob Gott das Wort, "Adam und Eva, von mir geschaffen Vater und Mutter aller Menschen zu sein, haben viele Jahre miteinander verbracht und gute und schlechte Zeiten zusammen durchlebt! Auch wenn es verwerflich ist, was Du Dimitrius getan hast, so ist, so war es trotzdem vorbestimmt im ewigen Kreislauf des Lebens. Gehe hin und beschütze Du dein Menschenkind weiterhin so aufmerksam und gut, wie Du es die letzten Jahre gemacht hast und auch Du Apollonia tue gleiches. Gebet acht, daß die Beiden einander zugetan bleiben, denn was Gott zusammengeführt hat, das soll der Mensch nicht trennen!" - Viele schöne Jahre liegen jetzt noch vor den beiden Menschenkindern und sie werden sicher auch schwere Zeiten durchleben müssen, aber die Tatsache, daß sich die Partnerschaft des Garten Edens wiederholt hat, wird Kraft genug geben, alle Schwierigkeiten über Tage, Monate und Jahre hinweg zu meistern - im ewigen Kreislauf des Lebens! - Freude und Achtung machen sich normalerweise jetzt in der Runde der Schulanfänger breit und niemals wieder ist es in der Geschichte des Himmelsunterrichtes vorgekommen, daß ein Schüler versucht hat, das Schicksal so zu beinflußen, wie es Dimitrius seinerzeit tat... Sämtliche Rechte liegen bei Michael Lütje! © Michael Lütje Copyright © by Michael Lütje. Erstellt: August 2001 |