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"Des Bildes neues Hier"by Michael LütjeDunkelheit... Ich sehe die Hand nicht vor Augen, trotz der Lichter, trotz der Sonne. Vielleicht ist es gerad die Helligkeit, die blind macht. Helligkeit? War es nicht Liebe, die blind macht? Unverrückbar seit unzähligen Jahren verweile ich nun hier schon! In einem hellen Treppenaufgang, umgeben von schweren tiefroten Tapeten, umgeben von Pomp und Schnickschnack. Edler Schnickschnack wohlgemerkt, aber Schnickschnack eben. Wen habe ich nicht schon alles vorübergehen sehen! Unzählige Männer und Frauen. Und Kinder. Ab und an werde ich dann abgestaubt, wieder zurechtgeschoben: Ins rechte Licht gerückt! Das wird es sein! Daher sehe ich nichts mehr, müde von den Jahren, müde von den Menschen die mich doch keines Blickes würdigten. Das wird es sein! Mein Blick ist müde, geblendet von der Eintönigkeit der Zeit, der Stunden, Tage, Jahre die ich wohl recht an meinem Platz verbracht! Die mir gestellte Aufgabe wohl distingiert gelöst. Nie aufdringlich, nie auffällig und auch nie aufregend... Dunkelheit! Als ob dem Löschen der Lichter kein Tag mehr folgte. Als ob die Sonne auch müde der Ewigkeit den Dienst versagen wollte. Aber es sind die Lider, deren es wohl müßig wurde, die Monotonie weiter zu ertragen. So ruhen sie und speisen Ihr selbst genommenes Gnadenbrot, den Glauben an das letzte Glimmen im abgebrannten Feuer der Hoffnung fast vergessen.Laut... Wer wagt es mich zu wecken? Wer wagt es dem Ablauf der Jahre die Stirn zu bieten? Nun fällt es schwer die Augen aufzuschlagen, doch Neugier ist es doch, die treibt! Dazu dem Licht wieder die Stirn zu bieten. Au, was schmerzt es doch nach all der Zeit. Welch wirre Farben formen sich erst nach Zeit und Zeit zu klaren Bildern! Mir scheint es ewig, doch bald verschmelzen Aug und Ohr und nun beginnt die Suche nach dem Sinn. Rege Betriebsamkeit auf meinem Aufgang. Immer wieder dieselben Menschen, ächzend, vollbepackt mit Hab und Gut. Treppauf, treppab und das zigmal. Und diesmal ist es ein anderes vorüberziehen! Kein Schreiten mit leerem Blick sondern ein Ziehen! Ja, ein Ziehen mit festem Ziel, ohne den Blick für rechts und links. Konzentriert auf eine Aufgabe, die zu lösen nur wenig Zeit gegeben scheint! Und wieder mit großer Last ein unscheinbarer Mann von oben herab. Hups, ein Stoß der mich kurz schwindeln läßt. Sturmwellen gleich wiege ich mich wieder in die Waagerechte und nach vielem Hin und Her, mehr recht als schlecht ist meine Ausgangsposition fast wieder erreicht. Aber eben nur fast und das sollte später noch mein Glück sein. Stille... Nun war es soweit! Die Dunkelheit hielt nun endgültig Einzug! Trotz meiner Wache waren es nur schwache Sonnenstrahlen, gebrochen und der Kraft beraubt vom Schmutz der Scheiben und den Spinnenweben, welche auch meinen Rahmen als Eckpunkt gewählt hatten. Aber auch ein Gefühl von Zufriedenheit in mir. Zufriendenheit... Birgt es doch zu Recht das Wort "Frieden" in sich? Habe ich Frieden mit mir selbst geschlossen? Ist dies die Zufriedenheit? Oder habe ich mich nur abgefunden? Mit einer Situation in die ich mich freiwillig begab und der ich jetzt aus eigener Kraft nicht mehr entfliehen kann... Niemand kam mehr an mir vorbei. Das Kitzeln der Insekten auf meiner Haut, war das Einzige, was noch Abwechslung in sich barg. Und nun misste ich die verschenkte Zeit der Müdigkeit! Nein, zufrieden war ich nicht. Wie konnt ich auch zufrieden sein mit einem unscheinbaren Dasein, immer ins zweite Glied geschoben, übersehen, unbeachtet, nur geduldet... Gut, meine Farben waren verblasst über die Jahrzehnte, doch waren noch einzelne Pigmente da, die voller Kraft und Pracht nach vorn strebten, um zu strahlen und um die Schönheit der Kunst zu vermitteln. Nur für wen? Es kam ja niemand mehr. Kein treppauf, kein treppab, geschweige denn die Würdigung eines kurzen Blickes. Knirsch... Horch auf! Was war das? Jetzt, weit nach Mitternacht noch ein unbedachter Ton? Mein Herz schlägt schnell und laut, mein Puls rast und meine Unbeweglichkeit fängt mich an der Wand und verdammt mich zur Untat. Nein, sehen kann ich nichts! Zu spät ist es und auch der Mondschein hat nicht die Macht ein Licht in das Dunkel zu brennen. So spitz ich mehr mein Ohr und lausche in das Nichts. Ein Tap und noch ein Tap und ein Knarren der altgedienten Bohlen verrät mir, das das Leben in dieses Haus zurückgekehrt. Und sei es auch nur für einen Moment. Moment...! Nur für einen Moment? War dies vielleicht die letzte Chance für mich, noch etwas aus meinem Dasein zu machen? Der Lethargie der Endzeit doch noch zu entfliehen um doch noch zu Leben? Los! Nimm allen Mut zusammen und versuche, was Du noch nie versucht! Nun wecke auf die Farben, die Pinselstriche, die Seele, um ein Rad zu schlagen wie der Pfau, der prachtvoll um sein Weibchen wirbt! Näher kommt mir dieses "Tap und Tap" und im fahlen Restlicht scheint mir ein Umriss scharf zu werden der zaghaft ängstlich einen sicheren Weg nach Oben zu ertasten sucht. Noch drei, zwei, ein Meter. Ein Mädchen ists, mit langem Haar doch ist ihr Blick nach unten gerichtet. Um nicht zu stolpern wie mir scheint. Oh bitte, schau doch einmal auf, so schau mich an, verdient hab ich den Blick doch wohl die letzten Jahre... Licht... Einem Wunder gleich findet der Lichtschweif des Schimmern eines Sternes den Weg zu mir. Harrt auf mir aus, um auszuruhen und um dann den Weg in die Undendlichkeit weiter aufzunehmen. Doch dieser kurze Augenblick reicht mir, um die Augen des Mädchens zu interessieren! Ich sehe mich, in Ihrem Augenglanze, gleich einem Spiegel und weiß es ist um Sie geschehen. Da hält sie inne, legt Ihren Kopf gerad so schief um auch gerade mich zu sehen und schaut mit Ihrem warmen Blick in meine, ins Grau in Grau zurückgekehrten Farben. Kein Atemzug ist zu vernehmen und Spannung steigt mir ins Gemüt, bis zu zerplatzen es dann droht. Erst stupst Sie mich, so daß ich wieder preussisch ordentlich da hänge und meine Hoffnung schien schon fast geschwunden, dann nimmt Sie mich mit festem Griff. Entnimmt mich meinem angestammten Platz. Der Nagel fällt mit metallernem Klang zu Boden und läutet so für mich mein zweites Leben ein! Warm... So ist der Platz den ich jetzt hab gefunden! Viele neue Freunde um mich herum... Alte Künstler, neue Bilder, Fotos, Karten und Plakate. Teils gerahmt, wie ich, aber teils auch nackt, nur gerahmt von den Anderen um sie herum! Soviel Neues gibt es zu entdecken, soviel Neues zu erfahren von meinen Mitstreitern die die halbe Welt gesehen zu haben erzählen. Hier fühle ich mich wohl und vergessen ist mein Gnadenbrot denn gelernt hab ich, das ein "neues Hier" mein "altes Ich" zu neuen Kräften hat erweckt. Zum alten Eisen werd ich nie gehören denn ob ich gebraucht werde, habe ich selbst für mich entschieden und nicht andere entscheiden lassen. Nur das ist wichtig! Das laßt Euch gesagt sein! Das müßt Ihr Euch merken! Sämtliche Rechte liegen bei Michael Lütje! © Michael Lütje Copyright © by Michael Lütje. Erstellt: August 2003 |